Entwicklung von Görlitz zur Stadt

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Nachdem im Gefolge der Völkerwanderung im 4. und 5. Jahrhundert die Germanische Bevölkerung das Gebiet der östlichen Oberlausitz verlassen hatten, wanderten im 7. und 8. Jahrhundert slawische Stämme nach Ostmitteleuropa ein. Im Gebiet südlich und westlich von Görlitz siedelten sich wahrscheinlich der Stamm der Besunzane an, dessen Name sich wohl im Namen des Görlitzer Stadtteils Biesnitz erhalten hat. Im Verlauf der 960er Jahre unterwirft der meißnische Markgraf [1] Gero [2] die Stämme der Milzener [3], Lusitzi [4] und Besunzane. Vor allem das Gebiet der späteren Oberlausitz wird in den folgenden Jahrzehnten zum ständigen Konfliktherd zwischen Böhmen, Polen und dem Heiligen Römischen Reich. Aus dieser Zeit erfahren wir aus der Chronik Thietmar von Merseburgs [5] auch von der Belagerung einer "urbem magnam businc" im Jahr 1015, die mit den Wallanlagen auf der Landeskrone bei Görlitz gleichgesetzt wird.

Phasen der Stadtentstehung

Als die Besunzane in den Jahrhunderten nach ihrer Einwanderung ihre Siedlungsgebiete durch Rodung ausweiteten (der Name Görlitz bedeutet soviel wie Brand- oder Rodungsstelle), gründeten sie wohl auch die 1071 in einer Urkunde Heinrichs IV. [6] erwähnte villa Goreliz. Wir erfahren, dass Heinrich IV. aus seinen Besitzungen in der östlichen Oberlausitz acht Königshufen dem Domkapitel zu Meißen schenkte, wobei unklar ist, ob es sich dabei um ein Flächenmaß oder um acht Gutshöfe, im Bereich der von Joachim Huth als Gutshofkomplex gedeuteten, villa Goreliz handelt.

Angelehnt an diese dörfliche Siedlung entwickelte sich wohl in der Mitte des 12. Jahrhunderts, die verkehrsgünstige Lage an der Kreuzung von Via Regia und Neiße-Talrand-Straße, eine Kaufleutesiedlung entlang des Steinwegs, der mit der Nikolaikirche, bald auch eine eigene Kirche, vorerst noch der Parochie [7] der Wenzelskirche in Jauernick zugehörig. Für die Nikolaivorstadt als eigentliche Keimzelle der Stadt Görlitz und gegen den Bereich um den Untermarkt, sprechen diverse Indizien. So zeigt die vom Stadtzentrum abgawandte Straßenführung im Nikolaiviertel, sowie die enge Parzellierung eine gewisse Selbstständigkeit des Stadtteils hin. Auch ist nicht anzunehmen, dass der ursprüngliche Verlauf der Via Regia nicht über die Lunitz, den steilen Weg zur heutigen Altstadt und einen weiteren steilen Abstieg zur heutigen Altstadtbrücke hinab nahm, sondern vielmehr durch die Lunitzniederung zu einer Furt nördlich von Görlitz führte. Auch die Wahl des Heiligen Nikolaus von Myra [8], dem Schutzheiligen der Kaufleute, als Patron der Kirche spricht für eine Kaufleutesiedlung im Lunitztal.

Der in den Anhängen der Chronik Cosmas erwähnte Ausbau einer Burg namens Yzcorelik 1126 bzw. die Neuerrichtung einer Burg Yzhorelik 1131 durch den böhmischen König, dieser hatte 1075 die beiden Lausitzen als Pfand und 1089 endgültig als Lehen erhalten, ist wie vieles in der frühen Geschichte der Stadt unsicher, zumal Grabungen auf dem Vogtshof keinerlei Spuren zutage förderten, die für eine Besiedlung des Areals vor dem 13. Jahrhundert sprechen. Sicher ist allerdings die Anwesenheit eines böhmischen Vogtes namens Florinus für das Jahr 1238 belegt, der wohl auf dem Vogtshof in der nordöstlichen Ecke der Altstadt residierte.

Aus dem Zusammenspiel schriftlicher, archäologischer und namenkundlicher Quellen lässt sich schließen, dass um das Jahr 1200, die Kaufleute aus der vorstädtischen Siedlung im Lunitztal, auf die Anhöhe übersiedelten, die heute die Görlitzer Altstadt bildet. Anlass dazu wird wohl, neben der schützenden Lage und der mutmaßlichen Errichtung der Neißebrücke, auch die Verleihung städtischer Privilegien gewesen sein, die die Nähe zum herrschaftlichen Vogtssitz, die sie noch bei der Ansiedlung im Lunitztal mieden, nicht mehr als Bedrohung ihrer Freiheit erscheinen ließ. Sie errichteten in Anlehnung an den Vogtssitz eine planmäßige Stadtanlage um den Untermarkt, die sich etwa zwischen Nikolaiturm und Elisabethplatz sowie zwischen Neiße und Brüderstraße erstreckte.

1253 fällt die Oberlausitz an die Askanier [9], die 1263 die östliche Oberlausitz als Land Görlitz als eigenen Verwaltungsbezirk vom Land Bautzen trennen.

In der Mitte des 13. Jahrhunderts wird, damals noch vor den Toren der Stadt, das Franziskanerkloster [10]] gegründet. Auch darin zeigt sich, dass die Stadt bereits zu dieser Zeit einen bedeutenden Wohlstand erreicht hatte. Wenig später wird die Stadt nach Westen bis zum Reichenbacher Turm erweitert. 1298 ist erstmals ein Stadtrat mit einem Bürgermeister, 12 Ratsherren und 4 Schöffen belegt. 1303 findet schließlich die Entwicklung Görlitz' zur Stadt vollen Rechts mit der Verleihung eines, an das Magdeburger Recht [11] angelehnten, Stadtrechts, ihren Abschluss.

Literatur

  • Blaschke, Karlheinz: Beiträge zur Geschichte der Oberlausitz. Gesammelte Aufsätze. Görlitz 2003. besonders S. 212 ff.
  • Jecht, Walter: Neue Untersuchungen zur Gründungsgeschichte der Stadt Görlitz. NLM 95. S. 1-62